TIEFER EINSTIEG,

HOHER NUTZEN

Ausprobiert

TIEFEINSTEIGER FÜR ALLTAG UND TOUR

Als Alltagsräder müssen die Tiefeinsteiger einfach funktionieren, ohne Pannen und ohne Wartungsaufwand. Jeden Tag. Sie auch Lastesel für Einkauf und Kindertransport. Und im Alltag gut funktioniert, will man auf Tour nicht missen. Wir haben vier Modelle ausprobiert.

Stellt doch mal Tiefeinsteiger ohne E-Antrieb vor – das war ein Wunsch vieler Leserinnen und Leser. Kein Problem, dachten wir, bis wir den Markt nach Testmodellen gescannt haben. Es gibt sie zwar noch – die klassischen Tiefeinsteiger für den Alltag ohne elektrische Unterstützung. Die Auswahl ist aber drastisch gesunken, wenn man Billigräder außen vorlässt – was wir getan haben, denn im Alltag muss das Rad funktionieren. Da ist keine Zeit für Pannen und aufwendige Pflege. 

Die gute Nachricht: Moderne Tiefeinsteiger bieten ein viel ­besseres Fahrverhalten als früher. Schlingern mit Gepäck gehört definitiv der Vergangenheit an. Da hat die Konstruktion der Fahrradrahmen echte Fortschritte gemacht. Alle getesteten Modelle gehören zu einer Modellfamilie mit verschiedenen Ausstattungen. Bis auf das A 200 XS gibt es sie auch mit Trapezrahmen (halb­hohes Oberrohr) oder Diamantrahmen (hohes Oberrohr).

Rahmen, Position, Komfort

Auch ein Tiefeinsteiger muss passen, damit er sich leicht, komfortabel und sicher fährt. Ein zu großes Fahrrad lässt sich einfach schlechter beherrschen. Besonders Erwachsene bis 1,60 m Körpergröße haben Probleme, ein passendes Fahrrad zu finden. Bei einem 28 Zoll-Rad einfach nur das Sitzrohr niedriger zu machen und es vielleicht noch steiler zu stellen, ist eine schlechte Lösung. Besser ist ein kleinerer und kürzerer ­Rahmen mit Laufrädern in 26 Zoll, wie das hier getestete A 200 XS von Velo De Ville, das nahezu einzigartig am Markt ist.

Stimmt die Größe des Fahrrades, kommt es noch auf die Sitzposition an. Ein Tiefeinsteiger muss nicht zwangsläufig nur eine aufrechte Sitzposition bieten. Das ausprobierte Gudereit Premium 8.0 evo lite ermöglicht dank des zweigelenkig verstell­baren Lenker­vorbaus neben einer aufrechten auch eine geneigtere Sitzposition – für alle, die etwas sportlicher unterwegs sind oder leichter gegen den Wind fahren möchten.

Viele halten eine Federgabel bei einer aufrechten Sitzposition für überflüssig, weil dabei zu wenig Last auf Lenker und Vorderrad sei. Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig: Bei Radwegeauffahrkanten oder Schlaglöchern und Wurzeln, wie sie auf Radwegen häufig vorkommen, ist eine Federgabel wie am Stevens Aviolo ein Komfort-Gewinn. Eine Federsattelstütze ist leicht nach­zurüsten. Noch komfortabler wird es, wenn man eine Parallelogramm-Federsattelstütze wählt. Sie braucht etwa zehn bis zwölf Zentimeter Platz oberhalb des Rahmens bis zum Sattelgestell, gegebenenfalls eine Rahmengröße kleiner wählen.

TRETLAGERHÖHE UND KURBELLÄNGE

Ergonomisch wichtige Parameter sind Tretlagerhöhe und Kurbellänge, die oft zu wenig beachtet werden. Sie sind entscheidend dafür, wie leicht man mit den Füßen auf den Boden kommt und wie rund es im Kniegelenk läuft. Hier haben wenige Millimeter eine große Wirkung. 

Die Tretlagerhöhe ist abhängig von der Kurbellänge, weil man in der Kurvenneigung nicht mit dem kurveninneren Pedal an den Boden stoßen darf. Ist eine Federgabel montiert, muss das Tretlager wegen des Einfederns etwas höher sein. Die passende Kurbellänge hängt von Körpergröße und Beinlänge ab. 

Standard bei City- und Trekkingrädern und mittlerer Körpergröße bis etwa 1,80 m sind 170 mm Kurbellänge. Bei Mountainbikes sind 175 mm Kurbellänge Standard, weil der dann längere Hebelarm beim Pedalieren im Gelände hilft. Alle ausprobierten Modelle haben Kurbeln mit 170 mm Länge. Beim Stevens Aviolo sind die Kurbeln ab Rahmenhöhe 53 cm (bis 1,75 m Körpergröße) 175 mm lang. Die beiden kleineren Rahmenhöhen haben die gleiche Tretlagerhöhe. Das finden wir zu hoch. Beim Velo De Ville A200 XS für kleine Personen würden kürzere Kurbeln in 165 mm Länge besser passen.

Ausprobierte Fahrradmodelle 

Lastentransport: Gepäck und Kinder 

Im Alltag muss fast immer etwas mitgenommen werden: Aktentasche, Einkauf oder das Kind. Wie schwer die Last sein darf, hängt vom Gepäckträger und Fahrradhersteller ab. Bei drei der vier Räder sind bis zu 25 kg auf dem Gepäckträger erlaubt, beim Stevens Aviolo 30 kg. Damit sind alle Träger tourentauglich. Stevens hat als einziger ­Hersteller der ausprobierten Modelle den Transport von Kinder­sitzen mit Befes­tigung auf dem Gepäckträger selbst getestet und erlaubt – die Norm schreibt eine minimale Traglast von 27 kg dafür vor. Alternativ kann ein Kindersitz am Sitzrohr des Rahmens befestigt werden. Praktisch ist die zweite Aufhängungsebene für Packtaschen bei drei Modellen. So passt oben auf den Gepäckträger noch ein Korb. Mik, Avs oder Snapit heißen die Systeme, bei denen Korb oder Tasche einfach eingeklickt werden können (siehe Kasten unten).

Schaltung, Kette, Riemen

Shimanos 8-Gang-Nabe ist wartungsarm, hat sich bewährt und bietet ausreichend viele Gänge. Die Übersetzung reicht für moderate Anstiege und flottere Fahrt in der Ebene. Die höherwertige Variante Alfine am Gudereit Premium 8.0 evo lite läuft besonders leise und reibungsarm.

Zahnriemen oder Kette? Viele bevorzugen den wartungsarmen, langlebigen Riemen auch wegen des geschmeidigen Tretgefühls. Was aber oft übersehen wird: Beim Zahnriemen gibt es zwar keine ölverschmierten Hosenbeine, aber gerade Hosen mit weitem Bein können zwischen Riemenscheibe und Riemen geraten, wenn diese nicht davor geschützt sind. Auch wenn die Hose vielleicht unbeschädigt bleibt, ist die Sturzgefahr hoch. Leider ist der Schutz bei allen drei Modellen mit Riemen unzureichend. 

ÜBERSICHT SYSTEMGEPÄCKTRÄGER

Systemgepäckträger sind sehr praktisch; leider sind die Standards der verschiedenen Hersteller nicht untereinander kompatibel. Sie bieten aber jeweils Adapter an, um Zubehör auf ihrem jeweiligen System nutzen zu können.

AVS ist der Systemstandard des Gepäckträgerherstellers Atran Velo (Atran Velo System). AVS + ist für schwere Lasten und Kindersitze bis 35 kg geeignet.

MIK heißt der Systemstandard von Basil. Der Taschen- und Korbhersteller hat MIK HD für schwere Lasten und Kindersitze vorgesehen.Snapit 2.0 ist der aktuelle Systemstandard von Racktime. 

Kid’n’Carry heißt die neue Ergänzung zu Snapit 2.0, mit der auch Kindersitze befestigt werden können. Diese Gepäckträger gibt es aber nicht zum Nachrüsten, weil die Sicherheit des Systems für Kindersitze nur in Verbindung mit dem jeweiligen Fahrrad als Gesamtsystem gewährleistet werden kann.

Bremsen, Beleuchtung, Schloss

Scheibenbremsen sind heute Standard. Ihre Vorzüge: kein Felgenverschleiß und sicheres Bremsen bei Nässe bei hoher Bremsleistung. Die hydraulischen Felgenbremsen am A200 XS überzeugen trotzdem mit sehr sicheren und angenehm weichen Bremsvorgängen. Alle vier Modelle haben einen Nabendynamo. Ihre Scheinwerfer sind aus dem eher preiswerten Regal, reichen aber aus, um gesehen zu werden. Befestigungspunkte für ein Rahmenringschloss sind an allen Modellen vorhanden. Im Alltag eine praktische Lösung und in Verbindung mit einer Einsteckkette zum Anschließen auch sicher genug zum kurzen Abstellen. 

Fazit: Jedes der vier gefahrenen Modelle wird in der ihm eigenen Art den Anforderungen im Alltag und auf Tour gerecht. Alle sind auch mit Gepäck ausreichend verwindungssteif und sorglos zu fahren. Bei der Auswahl helfen die Kriterien wie Sitzposition, Design und Körpergröße.

Peter Barzel

Fotos: Stevens, Peter Barzel, ADFC/René Filippek, Hersteller