ADFC-KINDERSCHUTZKONZEPT Kinder und Jugendliche spielen in der Arbeit des ADFC eine immer größere Rolle. Mit einem verbandsweiten Kinderschutzkonzept schafft der ADFC klare Standards, um junge Menschen zu schützen und Ehrenamtlichen mehr Sicherheit und Orientierung für ihre Arbeit zu geben.

GEMEINSAM

      KINDER SCHÜTZEN

Der ADFC bewegt Menschen jeden Alters – auf Radtouren, bei Aktionen auf der Straße, in den ADFC-Radfahrschulen oder bei der Verkehrserziehung. Immer häufiger sind auch Kinder und Jugendliche dabei. Mit Angeboten wie Fahrradtrainings, Radtouren für Minderjährige und Kidical Mass spricht der ADFC sie gezielt an. Seit 2025 hat der Verband mit dem Jungen ADFC auch eine eigene Jugendorganisation. Um der gewachsenen Verant­wortung gerecht zu werden, entwickelt der Verband ein ­Kinderschutzkonzept. Das Ziel: Kinder und Jugendliche, die an ADFC-Veranstaltungen teilnehmen oder sich engagieren wollen, bestmöglich zu unterstützen und zu schützen. 

Gleichzeitig sollen auch die vielen ehrenamtlich Aktiven im ADFC einen sicheren Rahmen für ihr Engagement erhalten: „Der ADFC hat seine Stärken traditionell in der Arbeit mit Erwachsenen. Mit den neuen Angeboten ist auch eine neue Verantwortung verbunden: Der ADFC muss sich stärker mit dem Schutz von Kindern und Jugend­lichen auseinandersetzen. Dabei liegt der Fokus ganz klar auf Prävention“, sagt Johanna Drescher, die in der ADFC-Bundesgeschäftsstelle für das Kinderschutzkonzept zuständig ist (Interview siehe unten). „Um die Ehrenamtlichen dabei zu unterstützen, arbeiten wir an einem verbandsweit gültigen Kinderschutzkonzept. Damit wir hier sicher aufgestellt sind, haben wir uns Expertise von außen besorgt.“


Rechtliche Vorgaben

Kinder und Jugendliche haben ein besonderes Schutzbedürfnis, weil sie sich noch in ihrer körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Entwicklung befinden. Gefährdungen, Gewalt oder Vernachlässigung können sie deshalb besonders stark beeinträchtigen. Das Recht auf Schutz vor physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt von Kindern und Jugendlichen ist unter anderem in der UN-Kinderrechtskonvention verankert.

Die Realität zeigt: Gewalt gegenüber Minderjährigen ist auch in Deutschland keine Ausnahme. Eine Studie von 2025 zeigt, dass knapp 13 Prozent der 18- bis 59-Jährigen angaben, dass sie in der Kindheit von sexualisierter Gewalt betroffen waren – das entspricht etwa 5,7 Millionen Menschen in Deutschland.

Vereine und Organisationen, die mit jungen Menschen arbeiten, tragen daher eine besondere Verantwortung, diese zu schützen. Zudem verpflichtet das „Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ seit Juli 2025 viele Vereine dazu, ein Kinderschutzkonzept vorzuhalten vor allem, wenn sie öffentliche Fördermittel erhalten.


 

Ein bundesweit anwendbares Kinderschutzkonzept [...] schafft einheitliche Standards und einen verlässlichen Rahmen.

Markus Stich, Koordinator Kinderradelschule ADFC Nürnberg

Externe Beratung 

Gerold Stabel ist ausgebildete Fachkraft für Kinderschutz und Berater für die Erstellung von Schutzkonzepten. „Ich unterstütze den ADFC bei Fachfragen und bei der systema­tischen Verankerung des verbandsinternen Schutzkonzepts. Ich versuche, zu motivieren und zu moderieren sowie – geprägt durch meine eigenen Erfahrungen – das ehrenamtsnah zu gestalten.“

Auch Haupt- und Ehrenamtliche aus den Landes- und Kreisverbänden des ADFC konnten ihre Erfahrungen beisteuern und so dafür sorgen, dass das Kinderschutzkonzept für die Arbeit vor Ort praxistauglich ist. Der Bundesvorstand stellt das fertige Kinderschutzkonzept auf der Bundeshauptversammlung am 14. und 15. November in Dresden vor, damit es verabschiedet werden kann.

  Der ADFC Saar macht viel für Kinder und Jugendliche, z. B. Fahrradaktionen bei einem Stadtfest.

Schutz für Minderjährige und Engagierte

„Mit dem Kinderschutzkonzept übernimmt der ADFC Verantwortung – für Kinder und Jugendliche, für unsere Ehrenamtlichen, für die Zukunft unserer Kinder- und Jugendarbeit. Wir schaffen einen klaren Rahmen, der Schutz, Orientierung und Handlungssicherheit bietet. Für mich ist das ein wichtiges Signal: Der ADFC nimmt Kinderrechte ernst und schafft sichere Räume, in denen junge Menschen sich einbringen und entfalten können“, sagt die ADFC-Bundesvor­sitzende Sarah Holczer.

Das Konzept berücksichtigt unterschiedliche Formen von Gefährdung: unbeabsichtigte Grenzverletzungen, Übergriffe, Gewalt unter Kindern und im digitalen Raum. Verschiedene Maßnahmen dienen der Prävention: Klare Verhaltensregeln für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen bieten Orientierung und Sicherheit für alle Beteiligten. Dazu gehören Hinweise, wie man mit Kindern und Jugendlichen sprechen sollte, wie viel und welcher Körperkontakt erlaubt ist sowie Regeln für den Kontakt über Social Media und Messenger. Das Konzept liefert auch einen Leitfaden, was bei Verdachtsfällen zu tun ist. Zudem will der ADFC künftig u. a. erweiterte Führungszeugnisse einsehen.


 

Der ADFC nimmt Kinderrechte ernst und schafft sichere Räume, in denen junge Menschen sich einbringen und entfalten können

Sarah Holczer, ADFC-Bundesvorsitzende

Verbandsinteresse ist groß

Vor allem bei den Landes- und Kreisverbänden, die schon viel mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – wie der ADFC Nürnberg, der 2024 eine Kinderradelschule gegründet hat. „Wir veranstalten jeden Samstag offene Trainings, zu denen Kinder kommen, die wir nicht kennen – oft auch ohne Eltern. Das heißt, wir haben die ­Aufsichtspflicht und sind teilweise auch mit den Kindern alleine. Da war von Anfang an ein wesentlicher Gedanke: Wie stellen wir sicher, dass die Kinder einen sicheren Ort haben? Wir haben uns aber auch die Frage gestellt, wie geben wir unseren ehrenamtlichen Trainer:innen Sicherheit im Umgang mit den Kindern“, sagt Markus Stich. 

Er koordiniert die Kinderradelschule und ist dankbar, dass der ADFC sich nun intensiv mit dem Kinderschutz auseinandersetzt. „Ein bundesweit anwendbares Kinderschutzkonzept ist für uns sehr wertvoll. Es schafft einheit­liche Standards und einen verläss­lichen Rahmen für unsere Arbeit vor Ort. Dadurch werden wichtige Strukturen etabliert, die wir allein nur mit deutlich höherem Aufwand stemmen könnten.

    Der ADFC Nürnberg hat 2024 seine Kinderradelschule gegründet.

Einige ADFC-Landesverbände arbeiten bereits an eigenen Kinderschutzkonzepten für ihre Kinder- und Jugendarbeit. Thomas Kees verantwortet beim ADFC Saar die Kinder- und Jugendarbeit und sagt: „Wir gehören mit dem ADFC Berlin zu den ersten Landesverbänden, die ein eigenes Konzept auf den Weg gebracht haben. Obwohl wir mit dem saarländischen Kinderschutzbund in engem Kontakt stehen und das Konzept gemeinsam erarbeitet haben, ist eine Abstimmung und Weiterentwicklung innerhalb des ADFC mit seinen spezifischen Umgebungsbedingungen sehr sinnvoll.“ 

Der saarländische Landesverband hat mit seiner Radfahrschule, Schulprojekten und Fahrraddemonstrationen ein breites Angebot für Kinder und Jugendliche. „Wir erwarten eine hohe Sensibilität und große Offenheit gegenüber den Konzepten, die auf Bundes- und Landesebene erstellt werden. Für uns, die wir für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig sind, wird es die Arbeit sicher erleichtern. Im Idealfall erreichen wir damit sogar Aktive, die sich bisher Aktionen mit Kindern nicht haben vorstellen können. Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil sie sich bisher davor gescheut haben“, sagt Kees


 

Für uns, die wir für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig sind, wird das Konzept die Arbeit sicher erleichtern.

Thomas Kees, Verantwortlicher für 
Kinder- und Jugendarbeit beim ADFC Saar 

Kinderschutz als gemeinsame Aufgabe

Mit dem Konzept wird Kinderschutz zur gemeinsamen Aufgabe im gesamten ADFC. Die ADFC-Bundesgeschäftsstelle unterstützt dabei mit Checklisten, Arbeitshilfen und Schulungsangeboten in der ADFC-Akademie (ab Januar 2027). Es wird auch Beratungsangebote und eine feste Ansprechstelle für Kinderschutzfragen geben, bei der sich Engagierte im Verdachtsfall oder bei einem „komischen Gefühl“ melden können. Gleichzeitig gilt: Wer Angebote oder Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche plant oder durchführt, ist verpflichtet, sich mit dem Kinderschutzkonzept vertraut zu machen und es umzusetzen. Wichtig dabei: „Die Maßnahmen werden immer an die Art, Dauer und Intensität des Kontakts mit Kindern und Jugendlichen angepasst. Ziel ist es, den ADFC zu stärken – nicht ihn in seiner Arbeit zu behindern“, sagt Johanna Drescher.

Das Kinderschutzkonzept sorgt im ADFC für mehr Sicherheit, Klarheit und Verantwortung im Umgang mit Kindern und Jugend­lichen. Es schafft Orientierung für alle Beteiligten und stärkt den Verband als sicheren Ort – denn wer junge Menschen für das Radfahren begeistern möchte, trägt auch Verantwortung dafür, dass sie sich sicher, wohl und ernst genommen fühlen. 


Susann Hocke

NACHGEFRAGT

… bei Johanna Drescher, Referentin für Verbandsthemen


Praxisnaher Schutz für Kinder und Ehrenamt

Warum beschäftigt sich der ADFC gerade so intensiv mit dem Thema Kinderschutz?
Mit der Gründung des Jungen ADFC war für den ADFC-Bundesvorstand klar: Jetzt müssen wir mit einem Kinderschutzkonzept dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche im ADFC einen sicheren Ort und unsere vielen Ehrenamtlichen einen ebenso sicheren Rahmen für ihr Engagement haben, denn Fragen zum Schutz von Kindern können gerade im Ehrenamt schnell für Verunsicherung sorgen.
Der ADFC ist damit übrigens nicht alleine – ganz viele Vereine, zum Beispiel Sportvereine, aber auch Behörden, Schulen und Kitas erarbeiten gerade Kinderschutzkonzepte. Denn: Seit 2025 verpflichtet das „Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ Vereine, die mit Minderjährigen arbeiten und öffentliche Förderungen erhalten, dazu, ein Kinderschutzkonzept zu haben.

Der ADFC arbeitet in sehr unterschiedlichen Kontexten mit Kindern und Jugendlichen – vom Rollertraining in der Kita bis zur Fahrraddemo. Wie lässt sich dafür ein einheitliches Konzept entwickeln?
Das war tatsächlich gar nicht so einfach, aber ich habe mich da vom Kinderschutzkonzept des ADFC Berlin inspirieren lassen. Die haben für ihre vielen unterschiedlichen Angebote eine Tabelle erstellt und zentrale Fragen beantwortet: Braucht man dafür ein erweitertes Führungszeugnis? Wie viele Erwachsene müssen anwesend sein? Ab welchem Alter können Kinder teilnehmen? Zusammen mit unserem Kinderschutzexperten habe ich dann alle Angebote, die es im ADFC häufiger gibt, unter diesen und weiteren Aspekten durchleuchtet und daraus Vorgaben und Empfehlungen erarbeitet.
Außerdem soll das Kinderschutzkonzept im ADFC regeln, wie wir mit Beschwerden und Verdachtsfällen umgehen, aber auch, dass wir Kinder beteiligen und eine Anlaufstelle für den Kinderschutz etablieren – all das ist nicht auf ein bestimmtes Angebot bezogen und kann in allen Gliederungen umgesetzt werden.

Welche Situationen sind im Verbandsalltag besonders sensibel oder herausfordernd? 
Bei Ehrenamtlichen, die zum Beispiel Fahrradtrainings anbieten, erlebe ich häufig Unsicherheit bezüglich Nähe und Distanz: In welchen Situationen und an welchen Körperstellen dürfen Kinder bei Hilfe­stellungen angefasst werden? Darf ich ein Pflaster aufkleben, wenn ein Kind gestürzt ist, oder brauche ich dafür schon die Erlaubnis der Erziehungsberechtigten? Neben Antworten auf konkrete ­Fragen, ging es auch darum, den ADFC und seine Aktiven auf den Umgang mit Verdachtsfällen ­vorzubereiten, denn das kann schnell überfordern und zu Konflikten führen. Gleichzeitig wollen wir erreichen, dass alle Beteiligten genau hinschauen und wissen, dass sie sich ­melden können, wenn sie zum Beispiel Verstöße beobachtet haben. Auch die Einsichtnahme in erweiterte Führungszeugnisse ist im ADFC-Alltag herausfordernd. Es handelt sich zwar um ein „Standard-Instrument“ im Kinderschutz, bedeutet aber auch mehr Bürokratie und Organisation: Wer sieht die Zeugnisse an? Wie muss das dokumentiert werden?

Zusätzlicher Aufwand ist im Ehrenamt immer eine Heraus­forderung. Wie geht der ADFC mit möglichen Vorbehalten um?  
Im ADFC passiert so vieles im Ehrenamt und ich verstehe, wenn ein Vorstand sagt: ‚Ich will doch nur den Radverkehr voranbringen, warum soll ich jetzt eine Schulung absolvieren, Führungszeugnisse einsehen, ein Konzept lesen.‘ Deshalb unterstützen wir von der ­Bundesebene aus mit einem praxisnahen Kinderschutzkonzept, übersichtlichen Checklisten für den Alltag und mit Beratung. Zusätzlicher Aufwand bleibt es zwar, aber Kinder und Jugendliche haben nun mal ein besonderes Schutzbedürfnis und Kinderrechte umzusetzen, geht nicht ohne Auseinandersetzung und Mehraufwand. Das ist aber auch eine Investition in die Zukunft. Nach zwei Jahren werden wir uns das Kinderschutzkonzept noch mal genau ansehen und gemeinsam mit Ehrenamtlichen sowie Kindern und Jugendlichen prüfen, wie es in der Praxis funktioniert und passen es bei Bedarf an. Zur verantwortungsvollen Kinder- und Jugendarbeit gehören Schulungen zwingend dazu. Unsere Basis-Kinderschutzschulung dauert online nur drei Stunden – das ist sinnvoll investierte Zeit.

Es geht ja nicht nur um den Schutz von Kindern, sondern auch darum, dass Ehrenamtliche weniger Sorge haben müssen, Fehler zu machen …
Genau. Dass sie sich sorgen, ist nicht nur normal, sondern sogar super. Das heißt ja, dass sie ihr Handeln reflektieren und nicht ­einfach blind loslegen. Ehrenamtliche können mit anderen über Unsicherheiten oder Fragen sprechen, zum Beispiel mit anderen Ehrenamtlichen, die vor Ort etwas für Minderjährige auf die Beine stellen. Und falls es die nicht gibt, sind lokale Beratungsstellen oder die Kinderschutzschulungen in der ADFC-Akademie der richtige Ort. Auch über die E-Mail-Adresse kinderschutz@adfc.de können sich Ehrenamtliche Rat holen.

Wie gelingt es, Schutzmaßnahmen umzusetzen, ohne das Engagement zu erschweren oder Menschen abzuschrecken?
Ich denke auch andersrum: Wer sich schon anderswo engagiert hat und sich im ADFC einbringen möchte, erwartet ein Kinderschutzkonzept und wäre abgeschreckt, wenn wir da nichts hätten. Und die Schutzmaßnahmen erleichtern das Engagement auch – denn statt Unsicherheit (Darf ich das? Was mache ich, wenn etwas passiert?) liefert das Kinderschutzkonzept einen klaren Rahmen. Klar, da kommt zusätzlicher Aufwand auf alle im ADFC zu. Damit der ­überschaubar bleibt, unterscheidet der ­Entwurf des Kinderschutzkonzepts aber zwischen Unterstützenden, die zum Beispiel bei einer Kidical Mass die Kreuzungen absichern, und Betreuenden, die die Aufsichtspflicht bei einer Radtour für ­Minderjährige übernehmen. Unterstützende bekommen eine kurze Kinderschutz-Einweisung durch jemanden, der die Kinderschutzschulung absolviert hat und unterschreiben, dass sie sich an den Verhaltenskodex halten und nicht einschlägig vorbestraft sind – das ist sogar am Tag der Veranstaltung noch machbar. Wer Kinder betreut und begleitet, muss mit mehr Aufwand rechnen, hat aber naturgemäß auch mehr Fragen, die unser Konzept beantworten kann.  


Das komplette Interview online auf www.adfc.de/kinderschutz

Fotos: Linnard Gordalla, Markus Metschl, Julia Baier, ADFC/Deckbar, ADFC Nürnberg, privat