NEUE PERSPEKTIVEN
Oskar ist 12 Jahre alt, wohnt in Brandenburg an der Havel und fährt überall mit dem Fahrrad hin – zur Schule, zum Musikunterricht, zum Schwimmen, zu Freunden und in die Stadt. Er sagt: „Grundsätzlich macht mir Radfahren Spaß, man ist immer an der frischen Luft, aber bei Regen habe ich überhaupt keine Lust, Fahrrad zu fahren.“ Auf seinen täglichen Wegen fährt er am liebsten durch Parks, weil da keine Autos fahren. Abgesehen vom Autoverkehr gibt es weitere Aspekte, die ihn beim Radfahren in Brandenburg stören: „Die Fahrradständer an der Musikschule oder am Schwimmbad sind zu klein, da kann man sein Rad nicht reinschieben und auch nicht richtig anschließen. Und die Kreuzung am Schwimmbad ist sehr unübersichtlich.“
Seine Eindrücke und Erfahrungen kann Oskar in diesem Jahr in den ADFC-Fahrradklima-Test, kurz FKT, einbringen. Zum ersten Mal befragt der ADFC nämlich Kinder und Jugendliche zu ihren Radfahrgewohnheiten und hat mit dem FKT Jugendliche eine eigene Befragung für die Altersgruppe von zehn bis 20 Jahren gestartet.
Fokus auf Kinder und Jugendliche
Alle zwei Jahre und zum mittlerweile zwölften Mal will der ADFC wissen, wie fahrradfreundlich Deutschlands Orte sind und fragt Menschen nach ihren alltäglichen Radfahr-Erfahrungen. Sie beantworten Fragen wie: Sind die Radwege in einem guten Zustand? Wie viel wird vor Ort bereits fürs Radfahren getan? Wie sicher fühlt sich das Radfahren vor Ort an? Kurz: Macht Radfahren Spaß oder ist es Stress?Teil der Umfrage 2026 sind fünf Zusatzfragen zur Mobilität von Kindern und Jugendlichen: Fahren sie üblicherweise Rad? Fühlt sich Radfahren für sie sicher an? Gibt es vor Ort Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung und genug Fahrradstellplätze an Kindergärten, Schulen und Freizeitorten?
Junge Perspektive gefragt
Außerdem gibt es mit dem FKT Jugendliche eine Umfrage, bei der speziell die Meinung von jungen Menschen gefragt ist. Es geht um Hürden und Motivation beim Radfahren, um Schul- und Ausbildungswege, Wege zu Freizeitorten sowie um das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmender. Außerdem wird die Frage gestellt, ob junge Menschen sich auf dem Rad ernst genommen und sicher fühlen. Kinder und Jugendliche, die nicht Rad fahren, dürfen – und sollen sogar – teilnehmen, damit Politik und Verwaltung verstehen, warum sie nicht mit dem Rad fahren wollen oder sollen.
„Der FKT Jugendliche gibt uns die Möglichkeit, darzustellen, wie Kinder und Jugendliche den Straßenverkehr wahrnehmen. So können ihre Erfahrungen und ihr Verkehrsverhalten besser in politische Entscheidungen einfließen“, sagt Lena Adam, Bundesjugendsprecherin des Jungen ADFC. „Weil das Mobilitätsverhalten schon in der Kindheit geprägt wird, ist es wichtig, Kinder und Jugendliche als wertvolle Zielgruppe ernst zu nehmen und ihre Wahrnehmung im Verkehr besser zu verstehen. Dafür schafft der erweiterte Fokus der Umfrage auf junge Menschen eine gute Grundlage“, so Adam weiter.
Der FKT Jugendliche gibt uns die Möglichkeit, darzustellen, wie Kinder und Jugendliche den Straßenverkehr wahrnehmen.
Lena Adam ist Bundesjugendsprecherin des Jungen ADFC
Mitmachen lohnt sich
Weil der ADFC die Umfrage grundlegend weiterentwickelt hat, lässt sie sich einfacher beantworten und liefert zugleich noch aussagekräftigere Ergebnisse. Im Frühjahr überprüfte der ADFC zusammen mit Expert:innen die Methodik der Umfrage und setzte etliche Neuerungen um. Thomas Böhmer aus dem ADFC-FKT-Wissenschaftsteam sagt: „Es wurde nicht nur an der Präsentation des Fragebogens gearbeitet; es gibt auch neue Fragen: Zur Entwicklung des Radverkehrsanteils beispielsweise und unter welchen Umständen die persönliche Radnutzung steigen könnte. Speziell für die kleineren Orte wurde außerdem eine neue Frage zur Erreichbarkeit der Nachbarorte eingeführt.“
Bei der Umfrage 2024 konnten erstmals auch die verkehrspolitisch Verantwortlichen aus den Städten und Kommunen Auskunft über ihre Aktivitäten zur Radverkehrsförderung, geplante Maßnahmen und Rahmenbedingungen vor Ort geben. 2026 können sie wieder beim FKT für Kommunen mitmachen. Zusammen mit den Bewertungen der Radfahrenden entsteht so ein umfassendes Bild der Fahrradfreundlichkeit vor Ort – aus unterschiedlichen Perspektiven und aus Sicht verschiedener Generationen.
Noch bis zum 30. November 2026 haben Menschen die Gelegenheit, die Fahrradfreundlichkeit ihres Wohnorts zu bewerten.
„Nicht alle machen im Alltag die gleichen Erfahrungen auf dem Rad oder bewerten das Erlebte gleich. Deshalb ist es wichtig, dass möglichst viele mitmachen. Einmal, damit zahlreiche Orte in die Wertung kommen, aber auch, damit die Ergebnisse am Ende aussagekräftiger und lebensnäher sind“, sagt Irene Hummel, die das Projekt leitet. „So können Radfahrende auch aktiv dazu beitragen, an den richtigen Stellen Verbesserungen anzustoßen und ihren Ort perspektivisch fahrradfreundlicher zu machen.“
Mitmachen: So einfach geht es
Was kann ich selbst tun?
| +++. | Wann? 1. September bis 30. November 2026 |
| +++ | Wo? online auf fkt.adfc.de/befragung |
| +++ | Wie lange dauert es? 10 Minuten |
| +++ | Wer kann teilnehmen? Alle Menschen ab zehn Jahren sowie Kommunalvertreter:innen. |
| +++ | Was wird gefragt? Im FKT geht es um allgemeine Radfahrbedingungen vor Ort. 2026 kommen fünf Zusatzfragen zur Mobilität von Kindern und Jugendlichen hinzu. Der FKT Jugendliche befragt junge Menschen zu ihrer Meinung zum Radfahren. |
| +++ | Warum mitmachen? Jede Teilnahme macht das Ergebnis für den eigenen Ort aussagekräftiger und kann dazu beitragen, den eigenen Ort fahrradfreundlicher zu machen. |
Daten mit großem Potenzial
Dass es sich lohnt, mitzumachen, zeigt das Beispiel Frankfurt am Main. Die Mainmetropole wurde 2024 als fahrradfreundlichste Großstadt Deutschlands ausgezeichnet. „Die Ergebnisse des FKT helfen uns vor Ort ganz konkret dabei, Schwerpunkte zu erkennen und die politisch Verantwortlichen zur Lösungssuche zu motivieren. Wenn viele Menschen – die auch Wählerinnen und Wähler sind – zum Beispiel Falschparkende als Problem nennen, wird uns eher zugehört. Dank des FKT konnten wir u. a. Dienstanweisungen politisch durchsetzen, damit konsequenter gegen Falschparkende vorgegangen und die Sicherheit so erhöht wird“, sagt Ansgar Hegerfeld. Er ist der verkehrspolitische Sprecher des ADFC Frankfurt und ADFC-Landesvorsitzender in Hessen. „Die Datenbasis der Umfrage hilft uns aber auch dabei, getroffene politische Entscheidungen und deren positive Auswirkungen zu messen und den Verantwortlichen beispielsweise für den Bau von weiteren Radwegen den Rücken zu stärken.“
Die Ergebnisse der Umfrage werden vom ADFC für Gespräche mit Politik und Verwaltung vor Ort genutzt. Kommunen können sie für die eigene Radverkehrsplanung heranziehen und Planungsbüros als Grundlage für Konzepte. Auch Medien greifen die Ergebnisse immer häufiger auf, wenn sie über den Zustand des Radverkehrs berichten.
Daten liefern starke Argumente
Für viele Städte und Gemeinden ist die Umfrage zur Fahrradfreundlichkeit Spiegel und Vergleichsinstrument: Wie kommt das an, was geplant und gebaut wurde? Werden neue Radwege wahrgenommen? Fühlen Menschen sich sicherer? Oder bleibt die Verbesserung bloße Theorie? Genau darin liegt die Stärke der Befragung: Sie zeigt nicht nur, ob es Maßnahmen gibt, sondern auch, ob diese im Alltag der Radfahrenden ankommen und welche Veränderungen über die Zeit wahrgenommen werden. Für Engagierte im ADFC ist das ein starkes Argument: Wer mit Zahlen aus dem FKT in eine Ausschusssitzung, ein Pressegespräch oder ein Treffen mit der Verwaltung geht, vertritt keine Einzelmeinung oder die des ADFC, sondern spricht für viele Radfahrende vor Ort – und dann gehört auch die Stimme von jungen Menschen wie Oskar dazu.
Susann Hocke
2024 hat der ADFC erstmals parallel zu den Radfahrenden auch Kommunen befragt. Städte und Gemeinden konnten dokumentieren, was sie für die Radverkehrsförderung tun – etwa bei Konzepten, Infrastrukturmaßnahmen oder Abstellanlagen. 2026 werden nun zum ersten Mal zusätzlich Landkreise befragt.
Die kommunale Perspektive ergänzt die Einschätzungen der Radfahrenden. Besonders spannend ist der Vergleich: Was wurde geplant oder umgesetzt und was kommt im Alltag der Menschen an?

NACHGEFRAGT
… bei ADFC-FKT-Projektleiterin
IRENE HUMMEL
Fotos: iStockphoto.com/Oleh Slobodeniuk, ADFC/Deckbar Photographie, Julia Baier, iStockphoto.com/Frank Wagner,
Frank Rumpenhorst







